Psychologische Studierendenberatung Österreich

Zurück aus dem Ausland

Zurück aus dem Ausland - fremd in der Heimat: Strategien zur Rückkehr


Das Auslandssemester ist vorbei, man hat schon die Tage gezählt und ist endlich zurück zu Hause. Doch nach anfänglicher Freude fühlt man sich plötzlich einsam und hat das Gefühl, mit seiner eigenen Kultur nicht mehr zu Recht zu kommen. Das nennt man „reentry shock“, zu Deutsch Eigenkulturschock - ein krisenhafter Gefühlszustand bei der Rückkehr aus einer fremden Kultur in die eigene.


Der Eigenkulturschock

Man hat sich im Laufe des Auslandssemesters an die Kultur des Gastlandes erfolgreich angepasst, einige Gewohnheiten und Ansichten übernommen, neue Erfahrungen gesammelt und ist in den meisten Fällen reifer und selbstständiger geworden.  Auf die anfängliche Euphorie über die Rückkehr nachhause folgt eine Phase der Ernüchterung: Die Stimmung sinkt, man fühlt sich fremd in der eigenen Kultur und hat den Eindruck, nicht mehr hineinzupassen.
Oft fehlt der Antrieb, die nötigen Dinge zu erledigen, die Konzentration beim Lernen schwankt, die Motivation, sein altes Leben wieder aufzunehmen, sinkt. Auch psychische und somatische Symptome wie zum Beispiel Schlafschwierigkeiten, Appetitlosigkeit,  depressive Symptome,  Ängstlichkeit, Einsamkeits- und Sinnlosigkeitsgefühle begleiten diese Phase. Die eigene Kultur wird äußerst kritisch betrachtet, man idealisiert jene des Gastlandes, und das Gefühl, möglichst schnell wieder wegfahren zu wollen, macht sich breit.
Diese Phase ist in den meisten Fällen nicht von langer Dauer und nach einem Adaptions- und Integrationsprozess in die eigene Kultur sind eigene Ressourcen und Strategien verfügbar und man fühlt sich wieder zu Hause.

Als Rückkehrer/in kann man den Reintegrationsprozess in die eigene Kultur in folgenden Bereichen selbst unterstützen:
•    Studium/Universität, Studienkollegen/-innen
•    Persönlicher Umgang mit Abschied und Anfang
•    Beziehungen: Partner/in, Familie, Freund/e/innen



Zurück an die Uni

Machen Sie eine persönliche Standortbestimmung: Wo stehen Sie in Ihrem Studium? Was brauchen Sie noch für den Studienabschluss? Was hilft Ihnen beim Wiedereinstieg? Fokussieren Sie sich auf die nächsten Schritte.

Lassen Sie Ihre Prüfungen aus dem Auslandssemester anerkennen, erledigen Sie die letzten Formalitäten und konzentrieren Sie sich auf das neue Semester.

Führen Sie ein Update durch: Was hat sich an der Universität geändert? Zum Beispiel Studienplan, Anmeldeformalitäten, Prüfungswesen. Wo liegen die Unterschiede zu Ihrer Gastuniversität? Passen Sie sich wieder an die heimischen  Studienbedingungen an. Gewöhnen Sie sich wieder an den alten Status: „Eine/r unter Vielen“ zu sein.

Aktivieren Sie Ihre früheren Lernstrategien: Erstellen Sie einen realistischen Lernplan; beginnen Sie mit leichten bis mittelschweren Aufgaben, Prüfungen oder Seminaren. Fokussieren Sie sich auf prüfungsrelevante Strategien. Behalten Sie jedoch positive und neue Lernstrategien, die Sie im Ausland erworben haben, bei.

Ihre Studienkolleg/inn/en werden im Studium schon weiter sein, neue Gruppierungen haben sich gebildet. Manche Kolleg/inn/en werden mit wenig Interesse oder mit fehlendem Verständnis auf Ihre Situation reagieren. Viele kennen nicht die mit der Rückkehr verbundene Dynamik: Gehen Sie aktiv auf Ihre Kolleg/inn/en zu, fragen Sie danach, was in der Zeit Ihres Auslandsaufenthalts passiert ist. Passen Sie sich den neuen Gegebenheiten an und suchen Sie neue Lernpartner/innen oder Lerngruppen.

Überlegen Sie, wie und wo Sie die neu gewonnenen Kompetenzen und Erfahrungen im Studium und Beruf einsetzen können. Suchen Sie sich Seminare, Jobs oder auch freiwillige Arbeit, die auf den im Ausland erworbenen Kompetenzen aufbauen oder diese voraussetzen. Wie könnten Sie zum Beispiel in einem Bewerbungsgespräch auf Ihre Erfahrungen und Sprachkompetenzen aufmerksam machen?

Versuchen Sie Ihre Sprachkompetenz zu halten und zu erweitern, besuchen Sie Sprachkurse und sprechen Sie so oft wie möglich die neu erlernte Fremdsprache. Halten Sie Kontakt zu Studienkolleg/inn/en im Ausland, wenn möglich auch zum Lehrpersonal.


Persönlicher Umgang mit Abschied und Anfang

Beenden Sie das Auslandssemester bewusst und reflektieren Sie Ihre Erfahrungen: Was haben Sie gelernt? Was war positiv, was war negativ?  Was wollen Sie beibehalten? Zum Beispiel Fähigkeiten wie Flexibilität, Anpassungsbereitschaft, Sprachgewandtheit oder interkulturelle Kompetenz. Was würden Sie gerne zurücklassen? Gehen Sie die Zeit im Ausland chronologisch durch und versuchen Sie einen Abschluss zu finden.

Machen Sie sich Veränderungen und Fremdheitsgefühle bewusst: Sie haben sich durch den Aufenthalt in einer anderen Kultur verändert - haben Verhaltensweisen angenommen, die in Ihrer Kultur vielleicht auf Unverständnis stoßen.  Wie haben Sie sich verändert? Was haben Sie von der anderen Kultur angenommen? Was erscheint Ihnen hier fremd? Sie sind zum Beispiel während des Aufenthaltes autonomer, kritischer und selbstständiger geworden, dies kann Freunde und Familie irritieren. Versuchen Sie diese neuen Haltungen und  Lebensweise mitzuteilen und nehmen Sie diese nicht voreilig zurück, um für die anderen wieder die Alte/der Alte zu sein.

Stellen Sie sich auf Rückkehrfreude und enttäuschte Erwartungen ein: Gegen Ende eines Auslandsaufenthaltes ist die Freude oft groß, nach Hause zu fahren und Freunde und Familie wieder zu treffen. Dies führt zu idealisierten Erinnerungen an die Heimat, den/die Partner/in,  die Familie und zu unrealistischen Erwartungen an die Rückkehr. Zurück zu Hause offenbart sich, dass die idealisierten Bilder stark von der erlebten Wirklichkeit abweichen. Einiges hat sich geändert, Vieles ist gleich geblieben. Überprüfen Sie Ihre Erwartungen an der Realität. Was war schon immer so und wird sich auch nicht verändern?


Beziehungen zu Familie, Partnerin und Partner

Nicht nur Sie haben sich verändert, sondern auch die Menschen, die Ihnen wichtig sind, wie Ihre Freundin, Ihr Freund oder die Familie. Es gab Ereignisse und Entwicklungen, bei denen Sie nicht anwesend waren und deshalb auch nicht mitreden können. Fragen Sie auch nach den Erfahrungen anderer und stellen Sie die eigenen Erlebnisse in diesem Fall zurück. Versuchen Sie die Wahrnehmung der anderen anzuerkennen und durch den Austausch von Informationen und Erlebtem  die Veränderungen für beide Seiten nachvollziehbar werden zu lassen.

Auch Ihre Partnerin /Ihr Partner hat alleine gelebt, ist autonomer geworden, die Beziehung zwischen Ihnen ist nicht mehr so wie sie war. Tauschen Sie sich mit Ihrem/r Partner/in über die Veränderungen aus, reden Sie über beider Erwartungen, Enttäuschungen und Erfahrungen. Wichtig ist, sich und dem anderen zu verdeutlichen, dass es auf beiden Seiten viele Entwicklungen gegeben hat. Geben Sie sich und dem anderen Zeit und die Möglichkeit, mit der neuen Situation zurecht zu kommen. Gehen Sie nicht davon aus, dass alles beim Alten bleibt, versuchen Sie eine neue Basis zu finden. 

Manchmal kommt es in dieser Phase zu Fremdheitsgefühlen dem/der Partner/in oder der Familie gegenüber. Mögliche Reaktionen könnten der Rückzug von Freundeskreis und Familie sein, eine Trennung von der Freundin oder dem Freund oder auch Fernweh und der Wunsch erneut zu verreisen. Ziehen Sie sich in diesem Fall nicht zurück! Suchen Sie sich einen Reflexionspartner. Tauschen Sie sich mit anderen Austauschstudierenden aus und vergleichen Sie Ihre Erfahrungen. Suchen Sie Kontakt zu internationalen Studierenden, im besten Fall zu Studierenden aus Ihrem Gastland,  um so ein Stück der Kultur Ihres Gastlandes zu bewahren. 

Falls die psychischen und somatischen Symptome über einen längeren Zeitraum bestehen, die Fremdheitsgefühle stabil bleiben und Sie nach einer professionellen Beratung suchen, können Sie sich gerne an die Psychologische Studierendenberatung wenden. 


© Kathrin Wodraschke