Psychologische Studierendenberatung Österreich

II. Wie kann man starke Prüfungsangst verstehen?

   
Starke Prüfungsangst ist meist ein Gemisch aus realer und neurotischer Angst.

Reale Angst

kann beispielsweise begründet sein in schwer erfüllbaren oder wenig transparenten Prüfungsanforderungen, Unberechenbarkeit des Prüfers, schlechter Vorbereitung, Zeitknappheit bei der Prüfung oder in den Konsequenzen bei Misserfolg.

Neurotische Anteile

von Prüfungsangst stehen im Zusammenhang mit bereits früher entstandenen Ängsten, Selbstwertproblemen und unbewältigten (unbewussten) Konflikten, die sich vor oder bei Prüfungen „einklinken“ können.

Nicht umsonst werden Prüfungen mitunter mit Initiationsriten von Naturvölkern verglichen: Man unterwirft sich gewissermaßen der Universität bzw. Hochschule als (Angst machender) Autorität, um sich von der Kindheit zu lösen und in die „Gemeinschaft der Erwachsenen“ aufgenommen zu werden.

Bei diesen Ängsten können folgende Konfliktebenen aktualisiert werden:
 

Bestrafungsängste und Gewissensangst

Prägende Erfahrungen in Familie oder Schule und unbewältigte Autoritätskonflikte lassen die Prüfung als „bedrohliches Tribunal“ erscheinen: Befürchtet wird „Rache“, „strenge Strafe oder Vergeltung“ für „Nichtwissen, Versagen“, für eine „zu wenig gewissenhafte Vorbereitung“ oder für „Freizeitaktivitäten, die nicht dem Lernen geopfert wurden“.

Hintergrund können unangemessene und stark moralisierende oder ablehnende Bestrafungsmuster von Eltern oder Autoritätspersonen sein. Nicht selten manifestiert sich diese Dynamik als ständig vorhandenes Schuldgefühl, das einerseits zu nicht zielgerichtetem Lernen ohne entsprechende Erholungszeiten führt und andererseits einen Kreislauf von Selbstbestrafung und Versagen in Gang hält.

Kränkungsangst

Typisch ist hier die Angst vor einer „furchtbaren Blamage“. Prüfungsangst ist so gesehen eine Antwort auf die drohende Herabsetzung des Selbstwertgefühls, wenn sich fachliche oder kommunikative Unzulänglichkeiten in der Prüfung offenbaren sollten. Das Risiko von Kränkungen in Prüfungen ist de facto jedenfalls gegeben.

Im universitären Prüfungssystem fehlt außerdem oft bestätigende Anerkennung, das Ergebnis/die Note ist die einzige Rückmeldung eines anonymen Systems.

Oft kommt auch ein paradoxer Mechanismus ins Spiel: Aus Selbstunsicherheitwerden überhöhte Selbstansprüche gestellt, die in der Realität der Prüfung umso eher enttäuscht werden.

 

Trennungsangst

Auch wenn es auf den ersten Blick paradox wirkt: Erfolgreiche Prüfungen und besonders Abschlussprüfungen können dadurch, dass sie einen Schritt zur Selbstständigkeit darstellen einen vertrauten Zustand von Unselbstständigkeit oder von „jugendlicher Freiheit und Unverbindlichkeit“ bedrohen und damit Angst verursachen. Vor allem in Abschlussprüfungen kann eine unbewusste Versuchung liegen, durch Versagen die gegenwärtige Situation zu verlängern.
 

Angst vor aggressiven und libidinösen Impulsen

Besonders mündliche Prüfungen stellen eine Situation der Konfrontation dar. Dies kann unbewusst als Aufforderung zum Kampf gegen den/die Prüfer/in, zum Rivalisieren oder zum Verführen bzw. sich verführen lassen, aufgefasst werden. Solche inneren Impulse können sich, vor allem wenn sie unbewusst bleiben, als „gefahrenbringende Versuchung“ in Angst verwandeln.