Psychologische Studierendenberatung Österreich

II. Erklärungsmodell für das Verhalten in sozialen Situationen


Wie man sich anderen Personen gegenüber verhält, hängt von der jeweiligen Situation ab.

Jede Situation ist charakterisiert durch:

  • soziale Aspekte wie die Anzahl von beteiligten Personen, Rollenverteilung, situationsspezifisch geltende Regeln
  • zeitliche Aspekte wie die Tageszeit
  • räumliche Aspekte wie die Größe des zur Verfügung stehenden Raumes
  • persönliche Bedingungen wie eigene Ziele, Bedürfnisse, Intentionen, Stimmungen


Situationen haben unterschiedlichen Anforderungs- und Aufgabencharakter.
Bspw. stellt es eine weit höhere Anforderung dar, sich in einer Diskussion in einem eng überfüllten Raum einzubringen, als sich bei einem gemütlichen Abendessen mit einer Freundin zu unterhalten.

Situationen werden wahrgenommen und bewertet. Dabei spielen bisherige Erfahrungen und die Selbstkompetenz eine wichtige Rolle: Wie kann ich reagieren? Mit welchen Konsequenzen ist zu rechnen?

 

Selbstunsichere Personen 

  • nehmen soziale Situationen oft einseitig als Bedrohung wahr,
  • konzentrieren sich auf ihre „scheinbare Unfähigkeit“ und
  • unterschätzen ihre Bewältigungsmöglichkeiten.
  • Selbstkritisch werten sie sich beim Vergleich mit anderen ab
  • haben Angst zu versagen, sich zu blamieren, einen Fehler zu machen.
  • Selbstunsichere Personen nehmen oft Misserfolge vorweg,
  • sie führen diese auf ihre eigene Unzulänglichkeit zurück.
  • Erfolge werden dem Glück oder Zufall zugeschrieben.
  • Diese Fehleinschätzung wirkt negativ auf den Gefühlsbereich und
  • verhindert den Einsatz sozialer Fertigkeiten.

 

 

Beispiel

Selbstunsicheren Personen bereitet es oft Schwierigkeiten, sich in Diskussionen einzubringen, ihre Meinung zu äußern. Häufige und teilweise automatisierte Kognitionen in diesem Zusammenhang sind: „Ich würde ja gerne etwas sagen, doch womöglich mache ich mich nur lächerlich. Ich werde sicher rot, die anderen bemerken das und denken, der/die ist komisch...“.

Diese Art der Selbstinstruktion löst auf emotionaler Ebene Mutlosigkeit und in weiterer Folge Schweigen und sozialen Rückzug aus. Zurück bleibt der Ärger über sich selbst, die Selbstabwertung.

Jedoch Instruktionen wie: “Ich habe ein Recht meine Meinung einzubringen, die anderen sollen auf mich hören!“ führen zu Mut und Entschlossenheit. Diese Person wird ihre Meinung einbringen, laut und deutlich sprechen und selbstsicher auftreten.

Das „Sich nicht zu Wort melden“ stellt zwar kurzfristig eine Erleichterung dar und reduziert die Anspannung. Langfristig führt dieses „Sich alles gefallen lassen, Nicht durchsetzen, Nicht nein sagen“ zu persönlicher Unzufriedenheit und Unsicherheit.

Die Angst vor Kritik und Ablehnung erschwert das Durchsetzen von Wünschen und Bedürfnissen, „Nein“ sagen und die Abgrenzung gegenüber Forderungen anderer.

 

Selbstsichere Personen

  • haben auch Selbstzweifel und Misserfolg,
  • konzentrieren sich bei der Wahrnehmung von Situationen aber nicht ausschließlich auf ihre Anspannung und eventuelle Unsicherheit.
  • Sie gehen von ihren Fähigkeiten aus und entscheiden nach Lust-Unlust, Freude-Langeweile.
  • Die positiven und negativen Selbstinstruktionen sind ausgeglichener und erhöhen das Kompetenzvertrauen.
  • Negative Konsequenzen werden nicht sofort vorweggenommen und somit ist der Einsatz erwünschter sozialer Fertigkeiten leichter möglich.
  • Erfolge schreiben selbstsichere Personen ihren Fähigkeiten zu, Misserfolge eher externen Faktoren.